Dienstag, 5. Oktober 2010
Im bewussten Kontakt zu uns selbst zu leben, könnte so aussehen:
Wenn wir uns mit einer Situation oder Begegnung nicht wohlfühlen, und wir bewusst entscheiden wollen, wie wir reagieren, nehmen wir uns Zeit und Raum für uns, sobald uns das möglich ist.
Mit mehr und mehr Übung fällt es auch immer leichter, diesen Kontakt in der Situation selbst herzustellen.
1. Fühlen, was ist:
Wenn wir bewusst entscheiden wollen, wie wir reagieren, ist es hilfreich unsere volle Aufmerksamkeit auf unsere Gefühle zu richten.
Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper und spüren nach, was wir dort fühlen können. Dabei kann es helfen, auf den Atem zu achten.
Wenn Gedanken auftauchen dürfen sie da sein. Wir nehmen sie wahr und richten die Aufmerksamkeit dann wieder auf unseren Körper.
Reines Fühlen ist gedankenlos!
Auf diese Weise bewusst zu fühlen unterscheidet sich vom "Bei den Gefühlen sein", wie es viele Menschen leben:
Wir bleiben oft nicht bei den ursprünglichen unangenehmen Gefühlen, sondern fangen an zu denken: "Wieso muss das mir passieren?", "Ich kann das einfach nicht!", "Das dürfen die nicht!", "Das Leben ist so ungerecht!", "Niemand liebt mich!"
Diese Art von Gedanken erzeugt neue Gefühle, die wir wahrnehmen. Meist auch nicht lange, denn bald kommt der nächste Gedanke. Wir erzeugen so selbst einen Strudel von immer mehr unangenehmen Gefühlen und Gedanken. Wir glauben, die ganze Zeit bei unseren Gefühlen zu sein (schließlich fühlen wir doch die unangenehmen Gefühle, manchmal schon Tage, Wochen oder Jahre lang), doch in Wirklichkeit entfernen wir uns immer weiter von ihnen. Auch dies ist eine häufige angewandte Strategie, unsere Gefühle zu verdrängen, um ihnen nicht zu begegnen.
Wenn wir unsere Gefühle aus Angst verdrängen, sie nicht fühlen wollen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir unbewusst reagieren. Wir wenden dann Strategien an, die uns helfen, die ursprünglichen Gefühle nicht zu fühlen, entfernen uns aber von unseren eigentlichen Bedürfnissen. Wir treffen keine bewussten Entscheidungen mit Hilfe unserer Gefühle, sondern unsere Gefühle treiben uns zu unbewussten Entscheidungen.
Bleiben wir bei den ursprünglichen Gefühlen, fangen diese an sich zu verwandeln. Sie werden immer weniger unangenehm, können sich schließlich auflösen, und sogar in angenehme Gefühle verwandeln.
Außerdem fällt es uns leichter, in Kontakt mit unseren Bedürfnissen zu kommen.
2. Bedürfnisse wahrnehmen:
Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf unsere Bedürfnisse.
Wie der bewusste Kontakt zu unseren Gefühlen, bringen wir uns damit selbst Achtung entgegen, nehmen uns selbst an, sind bei uns, hören uns zu. Dies ist ein Akt der Selbstliebe.
Mit der Aufmerksamkeit bei unseren Bedürfnissen ist unsere Aufmerksamkeit bei dem, was wir uns wünschen, in unserem Leben haben wollen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit enorm, dass es auch in unser Leben kommt.
Oft ist unsere Aufmerksamkeit bei dem, was wir nicht wollen, und wir handeln ohne uns darüber klar zu sein, was wir brauchen. Wir verdrängen, was uns lebendig macht, nehmen uns selbst den Kontakt zu uns. Wir handeln, um etwas zu vermeiden und nicht um etwas zu gewinnen.
Durch die Annahme unserer Gefühle und Bedürfnisse, verdrängen wir nicht mehr, sondern begegnen dem was ist auf tieferer Ebene. Wir halten uns nicht mehr an dem fest, was wir nicht wollen, sondern lassen es frei, um uns mit dem zu verbinden, was wir uns wünschen.
Wenn wir in bewusstem Kontakt zu unseren Gefühle sind, fällt es viel leichter, Klarheit über unsere reinen Bedürfnisse zu gewinnen.
Diese Klarheit führt zu Erleichterung, Entspannung, Stabilität, Orientierung und angenehmen Gefühlen.
Damit haben unsere Gefühle eine wundervolle Funktion erfüllt: uns darauf hinzuweisen, das wichtige Bedürfnisse gerade nicht erfüllt werden. Die Klarheit darüber, welche Bedürfnisse das sind, erleichtert es einen Weg zu finden, sie zu erfüllen.
Ohne die Klarheit über unsere eigentlichen Bedürfnisse führen unsere bewussten oder unbewussten Entscheidungen oft dazu, dass sich unsere Bedürfnisse nicht erfüllen können und wir immer wieder in ähnliche Situationen geraten.
Neben unangenehmen Gefühlen stecken auch hinter all unseren (negativen) Urteilen unerfüllte Bedürfnisse. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können auch sie uns helfen, in Verbindung mit unseren Bedürfnissen zu sein.
3. Gedanken anschauen und bewusst gestalten:
Wenn wir unsere Gefühle bewusst wahrnehmen und Klarheit über unsere Bedürfnisse gewonnen haben, sind wir in Kontakt mit uns selbst und was in uns lebendig ist.
Diese Wahrnehmung ist real und ganz im Hier und Jetzt.
Daraus lässt sich aber noch nicht auf die eigentliche Ursache schließen, weshalb unsere Bedürfnisse nicht erfüllt sind und unangenehm Gefühle ausgelöst werden.
Ob unsere Bedürfnisse erfüllt sind, hängt meist nicht von einer Situation selbst ab, sondern davon, wie wir sie deuten.
Deshalb ist es hilfreich zwischen unseren Deutungen und reiner Beobachtung zu unterscheiden. Also zu trennen zwischen dem, was wir klar beobachten können und der Bedeutung, die diese Beobachtung für uns hat.
Oft hilft es auch, nachzuspüren, wie wir uns selbst in Verbindung mit unseren Bedürfnissen begegnen. Wenn wir in einer Situation beispielsweise erleben, dass unsere Bedürfnisse nach Achtung und Wertschätzung nicht erfüllt sind, hängt das nicht alleine vom Verhalten anderer ab, sondern besonders davon, wieviel Achtung und Wertschätzung wir uns selbst entgegen bringen.
Wenn wir uns selbst vollkommen achten und wertschätzen, gibt es nichts was dazu führen kann, dass unsere Bedürfnisse danach nicht gefüllt sind!
Wenn wir gedanken in uns wahrnehmen, die uns nicht gut tun und nicht zur Bereicherung unseres Lebens beitragen, können wir sie bewusst ändern.
Das bewusste Fühlen und der Kontakt zu unseren Bedürfnissen erleichtert es, Gedanken, Vorstellungen und Überzeugungen los zu lassen und neue zu erschaffen, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich unsere Bedürfnisse erfüllen.
Dabei kann es hilfreich sein, die bewusste Veränderung unserer Gedanken in Schritten zu gestalten. Einen "negativen" Gedanken beispielsweise nicht sofort ins Gegenteil zu verwandeln, sondern Schritt für Schritt soviel "positiver" zu denken, wie es für uns auch gefühlsmäßig stimmig ist.
"Unangenehme" Situationen und Begegnungen als Chancen sehen:
Situationen, in denen wir uns nicht wohl fühlen, können große Chancen für uns sein, wenn wir ihnen bewusst begegnen, indem wir mit uns selbst in Kontakt sind.
Wir bekommen durch sie gezeigt, was längst in uns ist. Wir werden ins Jetzt gebracht und mit dem konfrontiert, was wir verdrängen.
Wenn wir mit dem bisher verdrängten in Kontakt gehen, können wir immer wiederkehrenden Hindernissen auflösen und neue, unser Leben bereichernde Erfahrungen machen.
Auf diese Weise tragen die Situationen und Begegnungen, die wir sonst oft verurteilen dazu bei, alte Schmerzen zu heilen und mehr Erfüllung in unser Leben zu bringen.